A HOUSE TO LIVE
A PLACE TO LEARN

Wir sind in der Stadt Oświęcim, um uns an Auschwitz zu erinnern. Um zu überzeugen, dass wir aus der Vergangenheit lernen müssen. Wir zeigen, dass Oświęcim ein Ort der Begegnung, der Versöhnung und der Verständigung sein kann. Wir sind in der Stadt Oświęcim, damit Auschwitz sich nicht wiederholt.

„Ich nehme Auschwitz persönlich, weil es für uns persönlich ist.“

Studienreise junger Sinti* in das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau

„Für mich war der Besuch in Auschwitz besonders, weil ich da dieselben Wege gegangen bin, wie mein Uropa.“ Felino, 19 Jahre, besuchte zusammen mit einer Gruppe junger Sinti* im Juni 2026 das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Studienreise wurde gemeinsam von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz und dem 1. Sinti-Verein Ostfriesland organisiert. Im Mittelpunkt stand die Geschichte des nationalsozialistischen Völkermords an den Sinti* und Roma* Europas und die Kontinuitäten und Folgen des Antiziganismus nach 1945.

Im Rahmen der Studienführung im Stammlager, Auschwitz I, besuchte die Gruppe auch die Ausstellung zum Völkermord an den Sinti und Roma in Block 13. An der Gedenkwand entdeckte Felino den Namen seines Urgroßvaters neben vielen weiteren Namen seiner Angehörigen. „Meine Mutter ist stolz auf mich, weil wir die ersten aus unserer Familie sind, die auf den Spuren unserer Vorfahren gehen. Ich habe vor der Gedenkfahrt viel über die Geschichte gehört, und es ist dann doch eine ganze andere Sache, selbst vor Ort zu sein. Nur weil manche unserer Vorfahren überlebt haben, darf ich heute hier stehen.“

Die Teilnehmer*innen der Studienreise waren junge Sinti*, die sich im 1. Sinti-Verein Ostfriesland engagieren. Sie sind Nachkommen von Auschwitz-Überlebenden. Die Gruppe besuchte im Rahmen von Studienführungen die ehemaligen Lagerorte Auschwitz I und Auschwitz II-Birkenau und recherchierte in Archivdokumenten die Lebenswege der Angehörigen, die in Auschwitz inhaftiert waren und ermordet wurden. In Gesprächsrunden brachten die Teilnehmer*innen ihre eigenen Erfahrungen mit der Verfolgungsgeschichte ihrer Familien in Verbindung.

Zwischen den Generationen

Norbert, 69 Jahre, begleitete die Gruppe. Er berichtete in der Nachbereitung des Gedenkstättenbesuchs wie ihn die Erzählungen der Überlebenden seit seiner Kindheit begleiten. „Ich habe einmal mit meinem Cousin gesprochen, da war er schon über 80 und wir saßen am Küchentisch und er sagte: ‚Du weißt nicht, was wir mitgemacht haben!‘ Da sitze ich neben einem 80jähringen Mann. Er war immer hart und streng. Ich habe ihn das erste Mal weinen gesehen. Und er saß dann am Küchentisch neben mir und ich fragte ‚Cousin was hast du denn?‘ Und dann hat er nichts mehr gesagt.“

In den Gesprächsrunden während der Studienreise ging es auch um die transgenerationellen Folgen für die Nachkommen der Überlebenden. Charmaine, 44 Jahre, hat mit großem Engagement die Organisation der Gedenkfahrt mitgestaltet und vor allem die jüngeren Teilnehmer*innen vorbereitet. Im Gespräch reflektierte sie die generationenübergreifende Erfahrung: „Nur etwa 5.000 Sinti kehrten aus den Konzentrationslagern zurück. Und ihr Überlebenskampf war mit dem Kriegsende nicht vorbei. Sie kamen zwar aus den Lagern raus, aber sie konnten trotzdem nicht leben. Der Krieg war vorbei, aber für sie war es nicht vorbei. Erst durch den Besuch hier in Auschwitz, beginne ich zu verstehen, warum manche Menschen, mit denen wir groß geworden sind, so waren, wie sie waren. Der Bildungsbruch durch den andauernden Antiziganismus nach dem Krieg brachte drastische Auswirkungen für die folgenden Generationen.“ Heute, so erzählt sie, ist es ihre Generation, die versucht, neue Stabilität aufzubauen: „Wir, die dritte Generation, beginnen unsere Existenzen, unsere Leben wieder aufzubauen – es bleibt ein Kampf und immer die Angst, dass so etwas in irgendeiner Form unseren Kindern, unseren Enkelkindern wieder passiert. Ich bin der Meinung, dass jeder Sinto, jede Sintezza einmal hier gewesen sein muss.“

Antiziganistische Kontinuitäten 

Die Teilnehmenden brachten eigene Erfahrungen, ihre Fragen und Perspektiven in die Studienreise ein. In Begegnungen mit Vertreter*innen der polnischen Roma-Minderheiten entstanden Gespräche über Erinnerung, Rassismus und europäische Werte heute. Im Gespräch wurde deutlich, wie aktuell die Auseinandersetzung mit Auschwitz ist. „Auf Facebook lese ich immer wieder: ‚Wie lange wollt ihr denn noch über das Thema sprechen!‘“, erzählte Vanessa, 35 Jahre. „Das hören wir immer wieder und es macht mich fassungslos. Wie sollen wir nicht, immer wieder aufs Neue über Auschwitz sprechen?“

Die Gedenkfahrt bot Raum für eine vertiefte Auseinandersetzung mit den heutigen Relevanz und den Kontinuitäten des Antiziganismus. Viele Teilnehmer*innen berichteten von alltäglichem Antiziganismus, von Anfeindungen und Übergriffen. Gleichzeitig machten sie darauf aufmerksam, wie wenig über die Geschichte der deutschen Sinti bekannt ist, wie selten der Völkermord in Schulbüchern, in der Öffentlichkeit thematisiert wird. 

„In Birkenau ist mir dann bewusst geworden, in welcher Dimension die Nazis diese Massenvernichtungsmaschinerie aufgebaut haben“, sagte Damani, 23 Jahre. „Und ich nehme das persönlich, weil es für uns auch persönlich ist. Wir sehen die Parallelen wieder auftauchen. Der Aufschwung der rechten Parteien, Menschen, die das, was da passiert ist, verherrlichen, das macht mich sprachlos. Antiziganismus und Judenhass werden heutzutage wieder stärker. Das wird auf einmal wieder so bedrohlich.“

Empowerment und Engagement

Die Gedenkfahrt machte greifbar, was Erinnerung bedeuten kann, wenn sie aus der Perspektive der Betroffenen erzählt wird: Sie ist nicht nur ein Rückblick auf die Vergangenheit, sondern ein Auftrag für die Gegenwart. Die Teilnehmenden diskutierten miteinander, wie sie das Gesehene und Erfahrene verarbeiten und sich weiter gegen Antiziganismus und für ein demokratisches Miteinander engagieren können. Viele wollen ihre Erfahrungen und Erkenntnisse der Studienreise in ihren Familien, in Schulen, Nachbarschaft, auf der Arbeit oder in Social Media weitergeben.

„Ich bin froh, dass so viele junge Leute mitgefahren sind.“, betonte Norbert. „Hut ab, an die jungen Leute, dass ihr die Geduld habt und an diesen schweren Ort mitgegangen seid. Das ist nicht einfach nur Geschichte. Wir müssen daraus lernen. Und wir wollen weitergeben, was wir heute gesehen haben.“

 

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Disclaimer an der Seite:

Die Studienfahrt wurde durch das „Citizens, Equality, Rights and Values Programme“ (CERV) der Europäischen Kommission gefördert, das unter anderem Projekte zu den Themen Gleichstellung, Teilhabe und Gewaltprävention unterstützt.

Kofinanziert von der Europäischen Union. Die geäußerten Ansichten und Meinungen entsprechen jedoch ausschließlich denen der Autor*innen und spiegeln nicht zwingend die der Europäischen Union oder der Europäischen Exekutivagentur für Bildung und Kultur (EACEA) wider. Weder die Europäische Union noch die EACEA können dafür verantwortlich gemacht werden.

 

Link an der Seite:

10 Perspektiven – Sinti* über Auschwitz, Widerstand und Selbstbehauptung in der Gegenwart https://10perspektiven.asf-ev.de/

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