A HOUSE TO LIVE
A PLACE TO LEARN

Wir sind in Oświęcim, um uns an Auschwitz zu erinnern. Um zu überzeugen, dass wir aus der Vergangenheit lernen müssen. Wir zeigen, dass Oświęcim ein Ort der Begegnung, der Versöhnung und der Verständigung sein kann. Wir sind in Oświęcim, damit Auschwitz sich nicht wiederholt.

#stolenmemory - Tadeusz Sieprawski

Dank der Frewilligen sind die persönlichen Gegenstände von Tadeusz Sieprawski an die Familie zurückgekehrt.

Unser großes Abenteuer mit dem Projekt #StolenMemory begann eigentlich in unserer Schule, dem Stanisław-Konarski-Gymnasium in Oświęcim. Während einer der ersten Geschichtsstunden, gab uns Professorin Elżbieta Tymińska die Information, dass unsere Klasse ausgewählt wurde, an der Eröffnungszeremonie der Ausstellung #StolenMemory in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz teilzunehmen. Ich glaube, dies war der Moment, in dem jedes Mitglied unserer sechsköpfigen Gruppe einen Funken der Berufung in seinem Herzen brennen spürte. Bei jedem von uns geschah es aus einem anderen Grund. Uns motivierte der Wunsch, die Wahrheit zu erfahren, das Bedürfnis der selbstlosen Hilfe, die Faszination für die Geschichte und die Leidenschaft für die Lösung von Rätseln. Damals kannten wir uns nur vom Sehen, aber gemeinsam bekundeten wir unser Interesse an der Teilnahme an der Suche.

Die Zeremonie fand am 4.09.2019 statt und wurde mit einem Vortrag von Anna Meier-Osiński (von Arolsen Archives - der Institution, die die Kampagne #StolenMemory initiierte) über die Methoden der Informationssuche im digitalen Archiv, das sich auf der Website der Arolsen Archivs befindet, eröffnet. Dann gab es ein außerordentliches Treffen mit Frau Wanda Różycka-Bilnik, der es gelang, eine Taschenuhr von ihrem Vater, Czesław Bilnik, einem Häftling der Konzentrationslager Gross Rosen und Neuengamme, zurückzubekommen. Frau Wanda erzählte uns viel über die Geschichte ihres Vaters, über seine Tätigkeit als Mitglied bei ZWZ-AK (Heimatarmee) während des Krieges und über ihr eigenes Schicksal.  Jeder von uns wurde in seiner  Entscheidung, an der Aktion #StolenMemory teilzunehmen, langsam bestärkt. Außerdem nahmen neben unserer Klasse auch Schüler*innen anderer Gymnasien aus dem Kreis Oświęcim an dem Treffen teil.
 

Das nächste Treffen, zu dem wir eingeladen waren, betraf nur uns sechs und noch andere Kleingruppen außerhalb unserer Schule, die Interesse an einer Teilnahme an dem Projekt bekundeten. Es fand am 23. Oktober 2019 statt. Wir sind als eine Gruppe von Freunden dorthin gegangen, die von dem ganzen Projekt sehr begeistert waren. Zu diesem Zeitpunkt begannen wir offiziell mit der IJBS Oświęcim/Auschwitz zusammenzuarbeiten. In der Pause zwischen den beiden Treffen gelang es uns, mehrmals darüber zu sprechen: „Wie wird es eigentlich mit dieser Suche weitergehen?” Als Gäste sind zu dem Treffen die Freiwilligen aus Gostyń angereist. Sie erzählten uns von ihrer Arbeit, dem Verlauf ihrer Suche und den Emotionen, die sie bei der Rückgabe der Effekten aus dem Arolsen Archives begleiteten. Sie betonten auch, dass solche Recherchen nicht einfach sind und nicht immer mit Erfolg enden. Mit jeder weiteren Minute ihrer Erzählungen wurden wir eifriger und aufgeregter über die Suche, die wir selbst gerade beginnen wollten. Aus der IJBS-Bibliothek, in der das Treffen stattfand, gingen wir als eine Gruppe, die stolz das Stanisław-Konarski-Gymnasium in Oświęcim repräsentierte. Unsere erste Aufgabe bestand darin, das Ziel der Suche festzulegen. Ich glaube, jeder von uns erinnert sich noch genau an den Moment, als wir uns an einem der Tische in der Cafeteria versammelten, um die Person auszuwählen, deren Familie wir suchen werden, und vorläufige Pläne für die Suche zu erstellen. Wir wollten zeigen, was wir leisten können, gemeinsame Erfolge erzielen und die Ziele erreichen, die uns zum Suchen ermutigten. Beim Durchschauen der Broschüre, die grundlegende Informationen über die Personen enthielt, nach denen wir möglicherweise suchen könnten, stießen wir auf Tadeusz Sieprawski. Unsere Aufmerksamkeit wurde vor allem durch die Tatsache geweckt, dass er aus Krakau stammte und ein Häftling des ersten Transports nach Auschwitz war. Die Würfel sind gefallen, und wir teilten unsere Entscheidung Frau Elżbieta Pasternak mit, die das Projekt #StolenMemory in der IJBS koordiniert. Es ist schwierig, den Grad der Faszination zu beschreiben, die an diesem Tag geboren wurde und die uns bis zum Ende unserer Suchaktion begleitete.

Am selben Tag baten wir Frau Małgorzata Przybyła von Arolsen Archives um Zugang zu den Dokumenten von Tadeusz Sieprawski. Wir bildeten unsere eigene Gruppe auf einem der Messenger Dienste, die dazu diente, Nachrichten und Aufgaben in unserem engen Kreis zu verbreiten. Wir wollten handeln, aber es gab so viele Ideen, dass wir nicht wussten, wo wir anfangen sollten. Unsere Professorin Elżbieta Tymińska kam uns zu Hilfe und schlug vor, dass es sich lohne, zuerst das Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau in Oświęcim anzusprechen. Sie warnte uns auch vor der langen Wartezeit auf die Akten, aber das hat uns nicht entmutigt. In der Zwischenzeit setzten wir unsere Suche fort.
 

 

 

 

Wir beschlossen, nach Indizien im größten Medium, dem Internet, zu suchen, aber trotz unserer großen Hoffnung erhielten wir nicht die erwartete Antwort. Unsere Vorschläge waren chaotisch und erforderten Reisen an verschiedene Orte in ganz Krakau. Natürlich haben wir uns über diese Tatsache sehr gefreut, schließlich sollte sie nicht nur eine Erfüllung unserer Aufgabe sein, sondern auch eine große Chance für eine tiefere Integration. Bei der nächsten Sitzung unserer Gruppe kühlte unsere Professorin unsere Absichten etwas ab und schlug vor, Sieprawskis Namen im alten Telefonbuch zu suchen. Nach langem Nachdenken sind wir jedoch zu dem Schluss gekommen, dass es so viele Sieprawskis gibt, dass diese Richtung der Suche einfach nicht die erwarteten Ergebnisse bringen wird. So waren wir eine Zeit lang in der Sackgasse. Und dann plötzlich erhielten wir die erwarteten Informationen aus dem Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, die wir gemeinsam analysierten. Dank der Hilfe von Professorin Bogumiła Bugajska, einer Germanisten an unserem Gymnasium, die den Inhalt der Lagerbriefe von Tadeusz Sieprawski übersetzte, konnten wir den Namen des Vaters und des Bruders der vermissten Person ermitteln. Dank dieser Informationen gewann unsere Suche an Schwung. Ein absoluter Durchbruch bei unserer Suche war die Idee, die Verwaltung des Rakowicki-Friedhofs in Krakau, wo der Vater und der Bruder von Tadeusz Sieprawski begraben waren, anzurufen. Wir planten den Verlauf des Gesprächs und telefonierten mit Zustimmung unseres Lehrers während einer Unterrichtsstunde. Wir fanden heraus, dass wir eine schriftliche Erklärung abgeben mussten, damit wir den Verwalter kontaktieren konnten, und das taten wir auch. Wir mussten nur warten. Die Quarantäne stand dem Warten im Wege. Wir warteten auf die Informationen, jeder in seinem Haus mit der großen Hoffnung, dass sich trotz der schwierigen Situation jemand bei uns melden würde. Wir lebten diese Hoffnung bis zu dem denkwürdigen Tag, an dem Kinga einen Anruf von Frau Anna Mazur erhielt. Sie erklärte sich bereit, die Effekten zurückzubekommen. Jeder von uns war von dieser Nachricht stark schockiert. Es ist schwierig, dieses Gefühl aus der Sicht unserer Gruppe zu beschreiben, denn ich bin überzeugt, dass jeder von uns diesen Moment anders erlebt hat. Wir erledigten alle Formalitäten und es kam die Zeit für ein Interview mit uns und Professorin Tymińska am 28.05.2020 und dann das lang erwartete Treffen (am 2.06.2020) mit Frau Anna Mazur - Enkelin des Bruders von Tadeusz Sieprawski und ihrer beiden anderen Familienmitglieder. Wir alle waren sowohl aufgeregt als auch ein wenig gestresst von der Zeremonie der Übergabe der Effekten. Am wichtigsten war der Moment, als Frau Anna uns ein in ein Karton verpacktes Erinnerungsstück - ein Versicherungsbuch und eine Fotokopie anderer Dokumente, auf denen ihr vermisster Verwandter erwähnt wurde, aus den Händen nahm. Wir alle empfanden Stolz, Freude und unglaubliche Dankbarkeit. „Tadeusz kam nach 80 Jahren nach Hause zurück, ich danke euch sehr“. Diese Worte werden noch jahrelang in unseren Köpfen erklingen. Mit Frau Anna zu sprechen, nachdem die Zeremonie vorbei war, war etwas äußerst Angenehmes und mag sogar unerreichbar erscheinen. Als wir uns von Frau Anna nach langen Gesprächen verabschiedeten, fühlten wir, dass unsere Aufgabe erfüllt wurde.

Das Projekt hat viel in unser Leben gebracht und sich positiv auf unsere Charaktere ausgewirkt. Wir halfen der Person, die ein Familienmitglied suchte. Dieses wunderbare Gefühl, im Leben eines Menschen gebraucht zu werden, hat uns mit positiver Energie aufgeladen. Ich persönlich finde es schön, dass wir als eine Gruppe von Menschen begonnen haben, die sich nur vom Sehen kannten, und am Ende eine Gruppe von Freunden geworden sind. Wir haben viele neue Erfahrungen gesammelt, die für die Zukunft sicherlich nützlich sein werden. Heute wissen wir, und wir sind absolut davon überzeugt, dass wir uns weiterhin am Projekt #StolenMemory beteiligen wollen. All unsere Arbeit und unsere Bemühungen bei der Suche wurden mit Freudentränen und einem Lächeln von Frau Mazur, dem sicherlich schönsten Preis, gekrönt. Im Moment sind wir auf der Spur einer anderen Familie, der wir ebenfalls versuchen werden, die verlorene Erinnerung zurückzugeben. Wir werden nicht ruhen, bis die gestohlenen Erinnerungen in das nächste Haus zurückkehren.

Zofia Przeworska, im Namen der Freiwilligen der Kampagne #StolenMemory in Oświęcim, bestehend aus: Mateusz Mika, Kinga Paciorek, Karolina Tarkowska, Sabina Kwiatkowska, Maciej Piłat

 

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